Am 19. Mai ist in der Liebermann-Villa die diesjährige Sommerausstellung „Max Liebermann und Lesser Ury – Zweimal Großstadt Berlin“ eröffnet worden. Die Ausstellung stellt die Großstadtbilder der beiden Künstler gegenüber und zeigt dadurch sowohl die Wesensverwandtschaft als auch die Verschiedenartigkeit in Motivwahl und Darstellungsform beider Künstler.


Der gebürtige Berliner Max Liebermann (1849–1935) und der als Kind aus Posen zugezogene Lesser Ury (1861–1931) waren poetische Chronisten der aufstrebenden Weltstadt Berlin. Ihre Bilder zeugen von einer Epoche großer technischer und künstlerischer Innovationen. Sie lassen die Entwicklungen der Zeit mit ihrem gesteigerten Tempo sichtbar werden: Automobile treten mit Kutschen in Wettstreit, Straßenbahnen verdrängen Pferdetrams und elektrische Bogenlampen ersetzen Gaslaternen.

Obgleich einige Werktitel auf konkrete Berliner Orte verweisen, geht es Liebermann und Ury in ihren Farbvisionen ganz allgemein um das umtriebige Großstadtleben. Ihre flüchtigen Momentaufnahmen schildern städtische Alltagssituationen und fangen die Lichtatmosphäre in der Tradition des französischen Impressionismus ein. Dennoch sind ihr Interesse am und ihre Motivwahl zum Thema Großstadt grundverschieden.


Lesser Ury, Nächtliche Straßenszene (Leipziger Straße, Berlin) 1920er Jahre,
Galerie Ludorff Düsseldorf, Foto: Achim Kukulies

Reine Stadtansichten sind bei Liebermann, der die Parklandschaft im Tiergarten bevorzugte und als Porträtist der gehobenen Berliner Gesellschaft geschätzt war, eher selten. Nur vereinzelt ließ sich Liebermann von seinem unmittelbaren Wohnumfeld inspirieren. Dies ist der Fall bei zwei winterlichen Pastellen, die im Januar 1900 entstanden. Sie dokumentieren den Ausblick aus seinem Wohnzimmer im Stadtpalais am Pariser Platz und zeigen einerseits die Sicht Richtung Osten auf die Prachtstraße Unter den Linden und andererseits den Blick gen Westen in Richtung Tiergarten.

Ury hingegen ist ein Maler des modernen Großstadtlebens. Dieses Bildthema mit dem er in den 1920er-Jahren bekannt wurde, hatte er bereits in den 1880er-Jahren als erster in Deutschland gemalt. Dabei zog ihm vor allem das Stadtleben bei Nacht mit den vielen Spiegelungen des künstlichen Lichts der Straßenlampen, der Autoscheinwerfer oder Lichtreklamen auf den regennassen Fahrbahnen, in den Bann. Die letzten dreißig Jahre seines Lebens blickte er auf den Schöneberger Nollendorfplatz. Zu verschiedenen Tageszeiten schuf er in seinem Atelier im Dachgeschoss des Hauses Nr. 1 Ansichten des Ortes. Urys Nachtbilder aus der Vogelperspektive zeigen den um 1904 erbauten Hochbahnhof. Unter den erhöhten Gleisen, die den Nollendorfplatz queren, werden der turbulente Straßenverkehr und die vorbeilaufenden Menschen zu einer fast konturlosen Farbenmasse.

Max Liebermann, Blick aus dem Atelier des Künstlers auf den Königsplatz und die Siegessäule, 1897, Privatbesitz, Foto: Karen-Bartsch


Zu Lebzeiten trennten nicht nur ästhetische, sondern auch persönliche Differenzen die Künstler. Um 1890 kam es zu einem Zwist zwischen Liebermann und seinem Protegé Ury, nachdem der Jüngere behauptet hatte, die Lichteffekte in Liebermanns Meisterwerk Flachsscheuer in Laren (1887) nachträglich selbst gemalt zu haben. Die beiden gingen sich fortan aus dem Weg. Vielleicht spezialisierte sich Ury wegen dieses Zerwürfnisses absichtlich auf Sujets des mondänen Nachtlebens, von denen sich der ältere Kollege fernhielt.


Die Ausstellung findet in Kooperation mit der Stiftung Stadtmuseum Berlin statt und ist noch bis zum 26. August 2019 in der Liebermann-Villa zu sehen.

Im Rahmenprogramm findet am 5. Juni um 19 Uhr ein Bildvortrag von Dr. Sibylle Groß (Werkverzeichnis Lesser Ury) über das Leben und Werk Lesser Urys sowie seine Sammler*innen und ihre Erwerbungen statt. (Mehr Informationen).