Im Rahmen der jüdischen Kulturtage 2016 fand am 8. November eine Podiumsdiskussion in der Liebermann-Villa statt, die sich mit der Frage beschäftigte „Was heißt jüdisches Leben in Berlin im 21. Jahrhundert“. Einer der Diskussionsteilnehmer war der Autor Dimitrij Kapitelman, dessen kürzlich erschienener Roman „Das Lächeln meines unsichtbaren Vaters“ das Thema der jüdischen Identität berührt. Unsere Museumsshop-Leiterin, Dina Schlote, stellt Ihnen das Buch, das auf der persönlichen Geschichte des Autors beruht, in diesem Blogbeitrag vor.


Ein Jungautor mit dem Namen Kapitelman scheint gesegnet zu sein… Und so ist dieses Buch tatsächlich ein sehr erfolgreiches geworden, viele Rezensionen im deutschsprachigen Blätterwald, von der „Neuen Züricher“ bis zum „Rolling Stone“.

Dimitrij Kapitelman
Autor Dimitrij Kapitelman, Foto: Hanser Verlag, Nadine Kunath

Und doch gab es Zeiten, in denen der Autor mit seinem Namen gehadert hat: „Gerade in diesem Moment möchte ich nicht mehr Kapitelman heißen. Auch nicht Romashkan [der Familienname seiner Mutter, Anm. d. Verf.] Ich will überhaupt keinen Nachnamen. Ich möchte auch keinen deutschen oder irgendeinen Pass. In diesem Moment habe ich diese ganze Kategorisierungsscheiße satt. Mein Name ist nicht mein Name. Jude darf ich offiziell nicht sein, Nichtjude ist auch nur eine Notlösung. Meine Staatsangehörigkeit ist ein Witz. Ich habe nicht mal eine richtige Adresse…“ (Aus: „Kapitelmans Kind“, Text aus der taz vom 7.6.2013)

Eine äußere und innere Heimat hat er bislang nicht finden können: Geboren in der Ukraine, landet Dimitrij Kapitelman in den 1990ern als Kontingentflüchtling (als „Wiedergutmachungsjude“, wie er es nennt) mit seiner Familie in Leipzig-Grünau. Der Stadtteil war geprägt von Hochhäusern und rechtsradikaler Gewalt. Schließlich zieht Kapitelman nach Berlin, der Urmutter der Entwurzelten dieser Tage. „Siebzehn Jahre hier gelebt? Kein Argument (…) Die haben so viel Geld in mich reingebuttert, die müssten mir den deutschen Pass eigentlich an die Stirn tackern! Und zwar gratis. Aber nein: Für das Bildungsministerium bin ich die Elite von morgen, für das Ausländeramt der Hartz-IV-Empfänger von draußen.“

Dimitrij Kapitelmans Vater fühlt sich fremd in der neuen Heimat und flüchtet sich in ein eigenes Paralleluniversum – er führt ein Lebensmittelgeschäft für russische Produkte – obwohl er Mathematik studiert hat. Der Vater wird für den Sohn zunehmend unsichtbar; er lebt nur noch so dahin. So kommt irgendwann zwangsläufig die Frage einer Israel-Reise auf den Tisch; Israel war neben Deutschland ebenfalls eine Ausreiseoption. Der Vater hielt das damals aber für keine gute Idee, da er befürchtete, dass sein Sohn in Israel lediglich als Halbjude gelten würde; Halbjude, da die Mutter nicht jüdisch ist. Er befürchtet Nachteile für die Entwicklung seines Sohnes. Dieser vermutet nun, dass eine gemeinsame Reise nach Israel dem Vater und auch ihm neue Perspektiven eröffnet und Fragen nach der jüdischen Identität und nach Heimat beantwortet. Er muss viel Überzeugungsarbeit leisten, da der Vater anfänglich gar nicht von der Idee dieser Reise begeistert ist.

Kapitelman_25318_MR.inddSchließlich aber fahren sie nach Israel; allen Hindernissen zum Trotz! Es beginnt eine längere Reise mit vielen Stationen (es wollen einige alte Freunde aus der Ukraine besucht werden) und tatsächlich wird der Vater für Dimitrij sichtbarer. Auch er selbst entwickelt heimatliche Gefühle – zumal ihm sozusagen im Vorübergehen eröffnet wird, er könne sofort Bürger Israels werden!

Dimitrij hat allerdings, anders als sein Vater, Vorbehalte gegen die Palästinenser-Politik Israels und kann seine Zerrissenheit nicht wirklich ablegen. Er findet auch keinen echten Zugang zum Glauben. Er beschließt – gegen den Willen des Vaters (in der „Araberfrage“ kommen sie auf keinen gemeinsamen Nenner) – das Westjordanland zu bereisen. Durch das Zusammentreffen mit der Palästinenserin Dina kommt es zu einem emotionalen Höhepunkt des Konflikts…

Trotz all dieser durchaus ernsten Themen gelingt es dem Autor, einen ganz wunderbaren Ton zu treffen: urkomisch, aber nie verletzend – lässig, aber nie verächtlich! Und vor allem immer zutiefst menschlich und voll anrührender Liebe zu seinem Vater!

Ein großartiges Buch, nicht nur für Väter und Söhne!


Autorin: Dina Schlote

Dina Schlote leitet den Museumsshop der Liebermann-Villa.

Der Roman „Das Lächeln meines unsichtbaren Vaters“ von Dimitrij Kapitelman ist im Hanser-Verlag erschienen. Das Buch kostet 20 Euro und ist im Museumsshop der Liebermann-Villa erhältlich.