Max Liebermann, Martha Liebermann und Enkelin, 1922, Max-Liebermann-Gesellschaft Berlin Zustand nach der Restaurierung

Vom 15. September bis 15. November 2010 veranschaulichte eine Kabinettausstellung die Schritte der aufwändigen Restaurierung des Liebermann-Bildes Martha Liebermann und Enkelin.

Das Gemälde zeigt Max Liebermanns Frau Martha auf einem grün gepolsterten Stuhl sitzend. Auf ihrem Schoß hält sie die fünfjährige Enkelin Maria. Die am rechten Bildrand zu sehende weiße Fußleiste lässt darauf schließen, dass Liebermann das Bild in einem Raum seiner Villa am Wannsee malte. 

Als Bildträger benutzte der Künstler ein recht feines, locker gewebtes Leinen, auf das er als Malgrund eine weiße Leim-Kreide-Grundierung sehr dünn aufgetragen hat. Die Leinwandstruktur bewahrte er somit für spätere malerische Effekte.

Als erste Fixierung der Bildidee skizzierte Liebermann die Komposition in dünnen schwarzen Pinselstrichen auf die weiße Grundierung. Diese Vorzeichnung ist noch an Marthas Taille sowie am Pullover der Enkelin sichtbar. Diese künstlerisch überzeugenden Partien wurden von Liebermann bewahrt und blieben bis zum Schluss des Durcharbeitens anderer Bereiche erhalten. So weist dieses Gemälde eine für Liebermann typische Malweise auf, indem skizzenhafte, lasierende Bereiche wie z.B. die Kinderhände neben kompakten, deckenden Bereichen stehen und sich zu einem Gesamtbildeindruck fügen. Mittels differenzierter Farbauftragsweise erzielte Liebermann mit unterschiedlich dicken Pinseln eine frappierende Stofflichkeit. So schaffte er durch das gezielte Setzen von hellen Pinselstrichen auf eine dunkle Farblasur und die dadurch entstehenden Kontraste den transparenten Eindruck von feinstem Mousseline bei Marthas Gewand. Hingegen wird durch das Nass-in-nass-Vermalen bei dem Mädchenoberteil der Eindruck eines dichten Wollgewebes erzeugt.

Bald nach seiner Entstehung im Jahr 1922 ging das Gemälde in Berliner Privatbesitz über. Den Krieg überstand es in einem Keller, wo es der aus den USA zurückgekehrte Besitzer in den 1950er Jahren stark  beschädigt vorfand. Mit einer provisorischen Restaurierung  wurde damals ein Freund der Familie beauftragt, der als Maler tätig war. Nach dem Tod des Besitzers ging es 1964 an den in den USA lebenden Sohn über.

Im Jahr 2007 war das Bild als Leihgabe in der Ausstellung „Martha Liebermann. Lebensbilder“ in der Liebermann-Villa zu sehen. Ein Jahr später wurde es mit der Unterstützung  der Ernst von Siemens Kunststiftung für die Villa angekauft. Kurz danach wurde das Bild umfangreich restauriert.

2007 wies das Gemälde große Schäden auf.  Nicht nur aufgrund der Lagerung im feuchten Keller, sondern auch durch die unsachgemäße frühere Restaurierung. Die Bildqualität hatte enorm gelitten.  Der Fortbestand des Kunstwerkes galt insgesamt als gefährdet.

2007 wies das Gemälde große Schäden auf – nicht nur aufgrund der Lagerung im feuchten Keller, sonder auch durch die frühere Restaurierung. Die Bildqualität hatte enorm gelitten;  der Fortbestand des Kunstwerkes galt insgesamt als gefährdet.

2007 wies das Gemälde große Schäden auf – nicht nur aufgrund der Lagerung im feuchten Keller, sonder auch durch die frühere Restaurierung. Die Bildqualität hatte enorm gelitten;  der Fortbestand des Kunstwerkes galt insgesamt als gefährdet.

Die Bildseite vor der Restaurierung
Die Rückseite von der Restaurierung

Die Restaurierung  wurde vom Diplom-Restaurator und Museumskonservator der Liebermann-Villa Oliver Max Wenske von Januar bis April 2010 ausgeführt. Sie begann mit der Entrestaurierung, also der Entfernung aller späteren restauratorischen Zutaten. Alle nachträglich eingebrachten Materialien, die für das originale Gemälde eine Gefahr darstellten, wurden entfernt. Das Hauptproblem stellte ein flächendeckend, dick und ungleichmäßig aufgetragener Kreidegrund auf der Rückseite des Bildes dar. Er war während der früheren Restaurierung zur Stabilisierung des Bildsystems aufgespachtelt worden, verhielt sich jedoch durch seine Ölbestandteile wie eine selbstständige, spannungsreiche Farbschicht, die während des Alterungsprozesses  beträchtliche Verwölbungen ausbildete. Die vorderseitige dünne Malschicht musste die rückseitigen Verformungen nachvollziehen, was in dieser zu Hebungen und Verlusten führte. Vor der Abnahme dieser Beschichtung wurde die Malschicht  mit einer Seidenpapierbeklebung gesichert.

Zur Entfernung der Rückseitenbeschichtung wurde diese in Arbeitsfelder eingeteilt und mit einem Lösemittelgemisch benetzt. Anschließend konnte die angequollene dünne Schichtoberfläche mit einem Skalpell unter geringer Druckausübung abgetragen werden. Dieser Arbeitsgang wurde bis zu sechsmal wiederholt, anschließend wurden die verbliebenen Beschichtungsreste mit einem Feinschleifgerät abgenommen. Die sehr fragilen verlustreichen Bildspannränder wurden ergänzt und mit feinem Leinengewebe hinterlegt. Nach dem Wenden des Bildes wurde die Seidenpapierbeklebung mit erwärmtem Wasser angequollen und vorsichtig abgezogen, um mit der Bearbeitung der Malschicht fortzufahren.

Die Malschicht wurde auf Hebungen hin überprüft und gefestigt. Dabei wurde Leim in Hohlräume zwischen Malschicht und Leinwand mit einer feinen Kanüle eingetragen und mit dem Heizspachtel niedergelegt.

Die freigelegten kompakten Übermalungen auf der Malschicht werden mit dem Skalpell abgetragen

Durch eine maltechnisch bedingte ungenügende Haftung der Malschicht auf der Leinwand kam es  zu Ablösungserscheinungen, die durch die nachträgliche Bearbeitung in den 1950er Jahren  noch verstärkt wurden. Nach der Konservierung der Malschicht erfolgte die Planierung des gesamten Bildsystems. Während einer Untersuchung der Malerei unter ultraviolettem Licht wurden größere Bereiche von Übermalungen der originalen Malschicht sowie eine Vielzahl von Retuschen besonders im Bereich des Kinderkopfes festgestellt. Da einige Retuschen unter dem fluoreszierenden Firnis lagen, konnte dieser als nicht von der Hand Liebermanns ausgeführt, identifiziert werden. Deshalb wurde er mit einem Lösemittelgemisch entfernt.  Durch die Firnisabnahme und die damit kombinierte Entfernung von Übermalungen konnten Teile der originalen Malschicht wieder sichtbar gemacht werden. Dabei fielen als besonders störend kompakte, graue pastose Ölfarbübermalungen auf, mit denen Fehlstellen in der Malerei großzügig überdeckt und gekittet worden waren. Nachfolgend wurden diese an den Rändern beginnend unter dem Mikroskop mechanisch abgetragen. Nach der Freilegung der originalen Malschicht zeigte sich, dass die eigentlichen Schäden im Vergleich zum Umfang der Übermalungen erheblich geringer waren.

Die Hebungen in der Malschicht werden mit dem Heizspachtel niedergelegt

Nachdem das Gemälde wieder auf den vorhandenen und vermutlich sogar originalen Keilrahmen aufgespannt wurde, konnten die Fehlstellen in der Malschicht mit einem Leim-Kreidekitt geschlossen und im Anschluss mit Gouache und abschließenden Harz-Öllasuren retuschiert werden. Größere Fehlstellen wurden dabei in einer Art Tratteggio, einer strichelnden Retuschiermethode, geschlossen. Durch die feine Strichtextur grenzen sich die rekonstruierten Bereiche vom Original ab, wodurch einer Verfälschung der Originalität durch eine interpretierende malerische Rekonstruktion von Verlusten vorgebeugt wird.

Quelle: Oliver Max Wenske, Dokumentation zur Konservierung und Restaurierung des Gemäldes „Martha Liebermann und Enkelin“ von Max Liebermann (Auszüge