Nächste Woche beginnt der letzte Monat unserer diesjährigen Sommerausstellung Biergärten und Caféterrassen. Wie schnell geht der Sommer vorbei! Noch bis zum 12. September haben Besucher die Gelegenheit, eine beeindruckende Auswahl an Liebermann Gemälden zu sehen und auch verschiedene Werke von Liebermanns Zeitgenossen, die sich ebenfalls mit dem Thema des Biergartens beschäftigt haben.

Darunter fällt zum Beispiel der in Bayern geborene Künstler Albert Weisgerber (1878-1915).
Im letzten Raum der Ausstellung trifft der Besucher auf sein imposantes Gemälde Im Biergarten (1905). Das Bild zeigt drei gut gekleidete Männer, fast lebensgroß, beim Biertrinken im Freien.

Albert Weisgerber
Albert Weisgerber, Im Biergarten, 1905 (Detail), Pommersches Landesmuseum, Greifswald

Innerhalb der Ausstellung ist dieses Bild etwas Besonderes, insofern als der künstlerische Fokus deutlich auf den Personen liegt. Natürlich sind Menschen auch in den anderen Bildern der Ausstellung sichtbar. Aber zumeist sind sie nur als Masse dargestellt, anonym, oder viel weiter vom Betrachter entfernt. Hier dagegen sind die Figuren buchstäblich im Mittelpunkt. Im Vordergrund sitzen zwei Männer im Gespräch. Der linke Mann hebt die Hand zum Mund, als wenn er seinen Tischnachbarn gerade etwas erzählt. Vielleicht eine interessante Neuigkeit, oder vielleicht – wenn man seine Haltung und den etwas überraschten Gesichtsausdruck betrachtet – Gerede oder Gerüchte. Der rechte Mann ruft einen völlig anderen Eindruck hervor. Er schaut teilnahmslos nach links, entspannt, etwas hochmütig, aber trotzdem zuhörend. Hinter ihnen sitzt ein dritter Mann mit Strohhut, aus einem großen Buch lesend. Ganz allein, sein Gesicht im Schatten, er lässt sich bei seiner Lektüre vergessen.

In diesem Gemälde schafft es Weisgerber geschickt, die Persönlichkeiten der drei Männer, ihre Gesellschaftsschicht und ihre Beziehungen deutlich darzustellen. Natürlich spielt hier die künstlerische Ausbildung eine wichtige Rolle – Weisgerber war ab 1897 an der Akademie in München, wo er zusammen mit Wassily Kandinsky und Paul Klee im Malkurs von Franz von Stuck teilgenommen hat. Zweifellos auch wichtig war Weisgerbers jahrelange Erfahrung als Zeichner und Karikaturist für die Zeitschrift Die Jugend. Diese „illustrierte Wochenschrift für Kunst und Leben“ wurde im Jahr 1896 in München gegründet. Heute ist sie weltweit als Namensgeber des „Jugendstils“ bekannt. Im Jahr 1897 schickte Weisgerber seine ersten Zeichnungen an die Redaktion der Jugend in der Hoffnung, etwas Geld neben seinem Studium zu verdienen. Nach zahlreichen Beiträgen wurde er 1902 zum ständigen Mitarbeiter. Bis 1912 erschienen mehr als 500 seiner Zeichnungen und Karikaturen in der Zeitschrift.

„Modezwang: ‚siehst du Edwin, nachdem du eine Erbschaft gemacht hast, könnten wir nun heiraten, wenn nicht gerade die freie Liebe modern wäre!‘“, Albert Weisgerber, Die Jugend, 1909, Nr. 31, S. 729 (Detail)
„Modezwang: ‚Siehst du Edwin, nachdem du eine Erbschaft gemacht hast, könnten wir nun heiraten, wenn nicht gerade die freie Liebe modern wäre!‘“ Albert Weisgerber, aus: Die Jugend, 1909 (Detail)

In den Jugend-Zeichnungen Weisgerbers waren Cafés und Bierhallen sehr oft Schauplatz für die Satiren. In diesem Umfeld kannte der Künstler sich gut aus. Sein Vater war Gastwirt in der damals bayerischen Stadt St. Ingbert (heute zum Saarland gehörend). Durch die wachsende Industrie Ende des 19. Jahrhunderts wuchs der kleine Ort zur Stadt und damit die Nachfrage an Gaststätten und Lokalen. In den 1880er Jahre, als St. Ingbert um die 10.000 Einwohner hatte, war die Gaststätte Weisgerber eine von über 40 in der Stadt. Albert und seine Geschwister mussten von Jugend an im elterlichen Lokal mit anpacken. Daher kannte er sich in diesem Milieu aus.

“Herr Lehmann aus Berlin im Münchner Hofbräuhaus: “Vaehrtestes Fräulein, Sie haben mir dich heute lange jenug reden jehört, nu sagen Se man: hat mein Freund Pinneberg wirklich Recht jehabt, der jestern zu mir sagte, ich hätte mir in Tejernsee in der Sommerfrische janz den bayrischen Dialekt anjewöhnt. Finden Se det ooch?“, Albert Weisgerber, Die Jugend, 1907, Nr. 31, S. 677 (Detail)
“Herr Lehmann aus Berlin im Münchner Hofbräuhaus: “Vaehrtestes Fräulein, Sie haben mir heute lange jenug reden jehört, nu sagen Se man: hat mein Freund Pinneberg wirklich Recht jehabt, der jestern zu mir sagte, ich hätte mir in Tejernsee in der Sommerfrische janz den bayrischen Dialekt anjewöhnt. Finden Se det ooch?“, Albert Weisgerber, aus: Die Jugend, 1907 (Detail)

Cafés und Lokale waren aber im Allgemeinen ein sehr wichtiger Treffpunkt in den frühen Jahren des 20. Jahrhunderts. Hier mischten sich die verschiedenen Schichten der deutschen Gesellschaft, oft zusammen mit Musik, und natürlich auch Alkohol. Ein kreativer Nährboden für einen Karikaturisten wie Weisgerber.

“Literaturgrößen: ‘meine Schuldenlast in dieser Schlemmerbude ist ins Gigantische gestiegen! Was soll ich thun? – Ich werde die Wirthin heirathen!‘“ Albert Weisgerber, Die Jugend, 1905, Nr. 31, S. 592 (Detail)
“Literaturgrößen: ‘meine Schuldenlast in dieser Schlemmerbude ist ins Gigantische gestiegen! Was soll ich thun? – Ich werde die Wirthin heirathen!‘“ Albert Weisgerber, aus: Die Jugend, 1905 (Detail)

Neben seinem Erfolg bei Der Jugend konnte Weisgerber in den ersten Jahren des Jahrhunderts auch eine Karriere als „ernsthafter Künstler“ in München aufbauen. Er nahm regelmäßig mit seinen Gemälden an wichtigen Ausstellungen teil, zum Beispiel in der Sonderbundausstellung in Köln 1912. Im Folgejahr wurde er Gründungsmitglied und erster Vorsitzender der neuen Münchner Secession. Der Erste Weltkrieg setzte seiner Karriere ein jähes Ende. Weisgerber meldete sich als Freiwilliger im Jahr 1914. Im Mai 1915 ist er an der Front in Frankreich gestorben. Trotz der Kürze seines Schaffens hinterließ Weisgerber ein bedeutendes künstlerisches Oeuvre, das im Jahr 2015 zum 100. Todestag des Künstlers mit einer Retrospektive des Saarlandmuseums Saarbrücken gewürdigt wurde.


Autorin: Dr. Lucy Watling

Dr. Lucy Watling ist wissenschaftliche Volontärin in der Liebermann-Villa