Eine Schenkung zum Jahresende

Ein Mitglied der Max-Liebermann-Gesellschaft Berlin hat im Nachverkauf des Auktionshauses Grisebach ein Selbstporträt von Max-Liebermann gesehen und sofort gedacht: Das gehört in die Liebermann-Villa! – Gedacht, getan. Seit letzter Woche ist das Blatt in der Liebermann-Villa, als Schenkung!

Die Auktionstage der Villa Grisebach Anfang Dezember waren gerade vorüber, da erhielt ich ganz unvorbereitet einen Anruf: „Ich bin hier in der Villa Grisebach“, hörte ich aus dem Hörer. „Hier gibt es im Nachverkauf ein Liebermann-Porträt, das unbedingt in die Villa gehört. Kennen Sie das? Wollen Sie das haben, als Dauerleihgabe? Ja? Dann kaufen wir das.“ – Was für eine wunderbare Überraschung zum Jahresende! Natürlich habe ich sofort „Ja“ gesagt. Am letzten Samstag hatten wir uns dann zur Übergabe verabredet und ein freundliches Ehepaar brachte das wohl verpackte Werk an den Ort seiner Bestimmung, „als Geschenk“, wie sie betonten, denn in der Liebermann-Villa solle es schließlich ja auch bleiben.

Max Liebermann,Selbstporträt, 1912
© Max-Liebermann-Gesellschaft Berlin

Die mit goldener Berliner Leiste gerahmte Zeichnung ist eines der ausdrucksstarken Selbstporträts des Malers. Es zeigt Max Liebermann in der für viele Selbstporträts typischen Kombination von dunklem Anzug und Malerkittel, als Künstler und Großbürger in einer Person. Den Skizzenblock in der einen Hand, den Kohlestift in der anderen Hand schaut der Maler mit leicht geneigtem Kopf und kritischem Blick aus dem Bild heraus. Bei näherer Betrachtung wird klar, dass er sein Spiegelbild mustert, das er gerade abzeichnet. Denn die Zeichnung gibt Liebermann im Spiegel wieder, und deshalb hält er den Zeichenstift auch in der linken Hand, obwohl er tatsächlich Rechtshänder ist. Die Zeichnung stammt aus dem Jahr 1912 und zeigt Liebermann so, wie wir ihn auch aus dem großen Selbstporträt von 1910 aus der Sammlung der Hamburger Kunsthalle kennen.

Das Blatt ist dem marxistischen Kulturwissenschaftler, Historiker und Liebermann-Sammler Eduard Fuchs gewidmet:„Eduard Fuchs in Daumier vereint M. Liebermann“, der wegen seiner dreibändigen „Geschichte der erotischen Kunst“ seinerzeit auch „der Sittenfuchs“ genannt wurde. Fuchs war zunächst in München Redakteur des Südddeutschen Postillon, einer satirische Wochenzeitschrift, und saß wegen der Veröffentlichung von Karikaturen, die als Majestätsbeleidigung angesehen wurden, mehrere Monate im Gefängnis. 1901 kam er nach Berlin, wo er als Redakteur des Vorwärts arbeitete. Intensiv beschäftigte er sich mit der Geschichte der Karikatur und veröffentlichte zahlreiche Bücher darüber. Grundlage war eine umfangreiche Sammlung der Werke von Honoré Daumier und anderer Karikaturisten. Seine Sammlung umfasste 20.000 Karikaturen und Zeichnungen, darunter mehr als 6.000 Grafiken und ein gutes Dutzend Gemälde von Honoré Daumier. 1914 reiste Fuchs zusammen mit dem befreundeten Maler Max Slevogt nach Ägypten. Durch seinen publizistischen Erfolg war es Fuchs möglich, eine umfangreiche Kunstsammlung aufzubauen und die Villa Perls in Berlin Zehlendorf, Hermannstraße 14, zu kaufen. Er besaß 19 Bilder von Max Liebermann und 45 seines Freundes Max Slevogt, darüber hinaus Gemälde von Jean-Honoré Fragonard, August Delacroix, Pierre-August Renoir sowie Skulpturen von August Rodin, Aristide Maillol und Alexander Archipenko.

Liebermann fühlte sich Eduard Fuchs, wie die Widmung deutlich macht, durch die gemeinsame Leidenschaft für den Karikaturisten Honoré Daumier verbunden. Denn auch Liebermann besaß mit rund 3.000 Drucken, zum Teil auf Spezialpapier, eine beachtliche Daumier-Sammlung. Ganz abgesehen davon war Fuchs, wie aus der großen Anzahl von Liebermann-Werken in seinem Besitz hervorgeht, ein guter Kunde des Malers. Nicht unwahrscheinlich ist es daher, dass Liebermann das Blatt, wie in ähnlichen Fällen, als kleine Aufmerksamkeit an Eduard Fuchs gegeben hat oder dass er es im Rahmen eines größeren Verkaufsgeschäfts dem Sammler verehrte.

Seit gestern ist das Selbstporträt aus der Sammlung Fuchs in der Ausstellung der Liebermann-Villa zu bewundern. Der Vorstand der Max-Liebermann-Gesellschaft Berlin sagt „Herzlichen Dank“ für dieses großzügige Geschenk.

Autor: Dr. Martin Faass

Dr. Martin Faass ist Direktor der Liebermann-Villa am Wannsee

10 Jahre Liebermann-Villa als Künstlerhaus, Museum und Garten

Eigentlich kommt es mir vor, als wenn es die Liebermann-Villa schon viel länger als 10 Jahre gibt. Wahrscheinlich liegt es daran, dass wir die Villa schon Anfang September 2002 von dem Tauchclub übernehmen konnten, der das Haus sei 1972 nutzte. Schon am 7. September 2002 gelang es uns mit Hilfe vieler ehrenamtlicher Helfer, die Werkausstellung “Max Liebermann kommt nach Hause” zum Tag des Offenen Denkmals zu eröffnen. Allein an diesem ersten Wochenende kamen über 2000 Besucher an den Wannsee und nutzten die Möglichkeit, das ehemalige Sommerhaus Max Liebermanns zu besichtigen.

Der Vorstand der Max-Liebermann-Gesellschaft eröffnet im April 2006 die Liebermann-Villa.
Der Vorstand der Max-Liebermann-Gesellschaft bei der Eröffnung der Liebermann-Villa im April 2006

Aber erst im April 2006 wurde die Villa als Museum nach umfangreichen Bauarbeiten im Haus und im Garten eröffnet und als “echtes” Museum wahrgenommen. In einem nächsten Schritt stellten wir das Haus auf professionelle Füße: Wir beriefen einen wissenschaftlichen Leiter, Dr. Martin Faass, und bauten ein professionelles Museumsteam auf, das bis heute die Basis für die überaus erfolgreiche Arbeit in der Villa bildet. Obwohl wir eigentlich kaum Geld für Werbung haben, finden jedes Jahr etwa 80.000 Besucher den Weg zu uns an den Wannsee, was großartig ist, da wir weit enfernt von den großen Museen der Innenstadt liegen. So hat die Liebermann-Villa seit 2006 mehr als 850.000 Besucher gehabt und wir nähern uns der unglaublichen Zahl von 1800 Mitgliedern der Max-Liebermann-Gesellschaft Berlin e.V. an.

10 Jahre Museum und Garten
Der Vorstand der Max-Liebermann-Gesellschaft und das Museumsteam im April 2016

Da wir keine finanzielle Unterstützung seitens der öffentlichen Hand erhalten, benötigen wir die Einnahmen aus den Eintrittsgeldern, den Mitgliedsbeiträgen, den Spenden und der Arbeit unserer 120 ehrenamtlichen Mitarbeiter, um den Betrieb des Hauses als Museum sicherstellen zu können. Zur Finanzierung großer Ankäufe und Forschungsaufgaben, wie beispielsweise die Veröffentlichung der Briefe von Max Liebermann, sind wir auch weiterhin auf Fördermittel großer Stiftungen angewiesen.
Daher ist es eine große Freude zu sehen, wie das Team um Dr. Faass es schafft, mit wunderbaren Ausstellungen so viele Besucher zu begeistern.
Große Anziehungskraft geht auch von dem vor wenigen Jahren fertiggestellten Garten aus, der mit jeder Saison schöner und reifer wird.

Lassen Sie uns das Jubiläumsjahr in Freude begehen und schauen Sie bei uns vorbei. Es lohnt sich! Versprochen!

Ihr
Rolf Budde

Autor: Prof. Dr. Rolf Budde

Professor Dr. Rolf Budde ist Gründungsmitglied und 1. Vorsitzender der Max-Liebermann-Gesellschaft Berlin.