Am Sonntag, dem 8. Februar 2015 jährt sich der Todestag Max Liebermanns zum 80. Mal. Der berühmte Maler und Ehrenbürger Berlins starb mit 87 Jahren am 8. Februar 1935 in seinem Haus am Pariser Platz. Er wurde am 11. Februar 1935 auf dem Jüdischen Friedhof Schönhauser Allee bestattet.

Der Dresdner Liebermann-Forscher Ernst Braun hat im Jahr 1985 die näheren Umstände der Beisetzung Max Liebermanns untersucht. Wir nehmen das diesjährige Jubiläum zum Anlass – mit freundlicher Genehmigung des Autors – an dieser Stelle einen stark gekürzten Auszug seines Text abzudrucken.

Die Liebermann-Grabstätte auf dem Friedhof Schönhauer Allee, (c) MLG, Foto: Christoph Adam
Die Liebermann-Grabstätte auf dem Friedhof Schönhauser Allee, © MLG, Foto: Christoph Adam

Ernst Braun: Die Beisetzung Max Liebermanns am 11. Februar 1935: Umstände, Personen Überlieferungen, Pressereaktionen. In: Staatliche Kunstsammlungen Dresden/DDR (Hrsg.): Jahrbuch. Beiträge, Berichte 1985, Band 17, Dresden 1985.

[…] Am Montag, dem 11. Februar 1935, ab 13 Uhr fanden Trauerfeier und Beisetzung Max Liebermanns auf dem Berliner Jüdischen Friedhof in der Schönhauser Allee 23-25 statt. „Die Familie wünschte eine Beisetzung in der Stille, getreu dem Wunsche des Verewigten.“[1] „Etwa einhundert Menschen“[2], unter denen „eine große Anzahl prominenter Persönlichkeiten“[3] war, fanden sich ein, obwohl die Todesanzeigen[4] erst nach der Beisetzung erschienen. Auch das „lsraelitische Familienblatt“ hat recht, wenn es von der Trauergemeinde meint: „nicht allzu zahlreich“.[5] Immerhin wurde Liebermann bestattet. „Der schlichte Sarg war von weißem Flieder ganz zugedeckt. Vor einem Hintergrund von Lorbeer und Palmen blühten Frühlingsblumen, und unzählige Kerzen gaben dem Raum weihevolle Stimmung.“[6]

Im Verhältnis zu Max Liebermanns künstlerischer Bedeutung nahmen zu wenige Trauergäste an der Beisetzung teil. Das verwundert nicht, wenn man die Zeit bedenkt, doch es stimmt hinsichtlich menschlicher Beeinflussbarkeit durch Druck, Gewalt und Angst bedenklich. Ein Augenzeugenbericht offenbart den schlimmen Wandel vom gefeierten zum gemiedenen Maler:

Seine beiden letzten Lebensjahre waren schwer, weil er, der Jude, von der allmächtigen Partei geächtet wurde. Kränklichkeit stellte sich ein, und er starb im achtundachtzigsten Lebensjahre, den Regierenden bequem, weil sein Dasein wie Kritik wirkte. Beigesetzt wurde er in der Familiengruft auf dem alten Jüdischen Friedhof am Schönhauser Tor. Wäre er einige Jahre früher gestorben, so hätte es am Pariser Platz im Hause der Akademie eine Leichenfeier größten Stils gegeben. Jetzt waren weder die Künstler, deren Vertreter er fast fünfzig Jahre lang gewesen war, noch die akademischen Korporationen anwesend. Keiner von den Würdenträgern, die in seiner Wohnung als Gäste ein- und ausgegangen waren, erwies ihm die letzte Ehre, kein Abgeordneter der Stadt Berlin, deren Ehrenbürger er gewesen war, kein Offizieller sprach ein Wort des Dankes und des Abschieds. Von allen Künstlern, die er mittelbar und unmittelbar gefördert hatte, waren nur vier zur Trauerfeier erschienen. Es ziemt sich, ihre Namen zu nennen: Käthe Kollwitz, Hans Purrmann, Konrad von Kardorff und Klein-Diepold. Mit seinem Vater, dem Chirurgen Sauerbruch, dem Arzt Liebermanns, war auch dessen Sohn, ein junger begabter Zeichner, erschienen. Am Sarge sprach der Rabbi [Dr. Malvin Warschauer].“[7] […] Danach sprach der Kunstschriftsteller Karl Scheffler […].[8]

Die Vermutung, einen Bericht der Polizei, der Gestapo oder des Sicherheitsdienstes zu finden, ließ sich nach Befragung zuständiger Archive nicht bestätigen. So blieb die Suche in Erinnerungsbüchern, nach lebenden Augenzeugen und nach Zeitungstexten. […] Außer Karl Scheffler äußerten sich mehrere Beerdigungsbesucher in (auto-)biographischen Darstellungen oder brieflich. Der Maler Hans Purrmann[9] in einem Text über Konrad von Kardorff:

„Mit Liebermann stand Kardorff sein Leben lang in Verbindung. […] Er litt darunter, dass Liebermann das bittere Schicksal traf, so verachtet in Deutschland sterben zu müssen, und wir beschlossen, an seinem Begräbnis teilzunehmen. Wir riefen die Preußische Akademie an, ob sie irgendeine Ehrung vorgesehen habe und wurden kühl und kurz abgefertigt. Als ich dann als deren Mitglied darauf bestand, mehr zu erfahren, wurde ich gefragt, ob ich in einem Auftrag handle. Nein, ich meinte nur, daß Liebermann während zwölf Jahren Präsident der Akademie gewesen sei, und das lasse mich doch erwarten, daß man sich dankbar zeige, da er doch wirklich in diesen Jahren die Akademie lebendig verwaltet, belebt und zu hohem Ansehen gebracht habe. – Mit Kardorff ging ich dann zu der Feier auf dem alten Friedhof in Berlin, wo Liebermann bei seinen Vätern Ruhe finden wollte. Karl Scheffler hielt eine Rede und die bedrückende Stimmung war kaum zu überwinden, die meinen Freund Kardorff und mich überfiel. Wir waren die einzigen Maler und nur das schwermütige und schöne Gesicht der so hochstehend menschlichen und künstlerischen Käthe Kollwitz leuchtete aus der kleinen Menge Leidtragender heraus. Außer durch Max J. Friedländer und Adolph Goldschmidt waren auch die Kunstwissenschaft und die Museen nicht zahlreicher vertreten. Mit Friedrich Sarre, diesem verehrten und aufrechten Mann, machten wir uns auf den Heimweg, und unsere Unterhaltung stand unter dem Eindruck dieser bedrückenden Umstände. Kardorff, der an der Staatlichen Kunstschule Lehrer war, hatte wirklich durch diese Teilnahme an dem Begräbnis etwas zu verlieren,[10] und wenn ich mich darüber so eingehend auslasse, so ist es, weil ihm die Ehre zukam und ich vielleicht ohne seine Anregung etwas unterlassen hätte, was mich noch heute schmerzen und beschämen würde.”

[…] Abraham Pisarek verdanken wir Fotos, die während Liebermanns Beisetzung gemacht wurden.

„… am 8. Februar 1935 in der Redaktion der jüdischen Gemeindezeitung erfuhr (ich), daß mein verehrter alter Meister gestorben war. Die Gestapo hatte Publikum bei der Beerdigung verboten, damit es auf keinen Fall zu so etwas wie einer Demonstration käme. […] Ich wollte es mir nicht nehmen lassen, Bilder von der Beerdigung aufzunehmen, gerade nicht … Ich zog mich an einem der Steine hoch und fotografierte, die Kamera in den Efeu gedrückt, wie der Sarg herausgetragen wurde. Nur wenige Angehörige waren dabei. Frau Liebermann erkannte ich und eine Tochter oder Schwiegertochter, ich weiß es nicht mehr genau, den weißhaarigen Rabbiner Warschauer und den Vorsitzenden der Jüdischen Gemeinde, Heinrich Stahl, auch den Rechtsanwalt Dr. Klee. Vielleicht sieben Personen aus dem engsten Familien- und Bekanntenkreis, ein verlorenes Häuflein zwischen den Gestapoleuten. Zum Schluß fotografierte ich, als alle schon weg waren, an der Gruft die Kränze. Die Schleife des einen zeigte die Aufschrift der Berliner Künstler.“[11]

Gemeint ist der Kranz des „Vereins Berliner Künstler“, der neben dem des „Reichsbundes Jüdischer Frontsoldaten“ lag. Auf der anderen Seite ist auf einer Kranzschleife der Aufdruck „Dr. Ludwig Fulda und Frau” zu erkennen. […]

Auch Max Liebermanns Enkeltochter, Maria White, die in Northport, N. Y. (USA), lebt, bat ich um ihre Eindrücke, die sie von der Beisetzung bewahrt hat.

„Ich war damals 17 und die Beerdigung machte einen tiefen Eindruck auf mich. Ich war noch nie bei einer jüdischen Feier gewesen und hatte noch nie hebräisch gehört. Die Halle auf dem Friedhof war allerdings nicht groß, aber sie war ziemlich angefüllt. Ich kann mich auf keine Ansprachen erinnern -bis ich Ihren Artikel[12] las dachte ich, es hätte keine gegeben. Dagegen gab es Musik – mein Vater hatte sich darum gekümmert, und es wurde Beethoven gespielt. Gestapoleute waren sicher da, aber man merkte nicht viel von ihnen – bis auf einige Bemerkungen über einige Leute, die niemand kannte – was die hier zu suchen haben. Offenbar hatte man versucht, die Feier so schön wie möglich zu machen und es gelang auch, deshalb dachte ich auch gar nicht daran, wie anders es gewesen wäre, wenn die Nazis nicht die Macht ergriffen hätten.“[13]

K. Stein erwähnt das Largo von Händel, wie auch der Berichterstatter der Zeitung „Der Schild“.[14] „Orgel und Geige hatten die Reden umrahmt und unter ihren verklingenden Tönen setzte sich der Trauerzug in Bewegung.“[15] […]
[Es] folgen einige Sätze aus einem Aufsatz, in dem die Zeit nach der Beisetzung beschrieben wurde.

„Seltsam bewegt und lebendig war es in dieser letzten Woche auf dem alten Friedhof in der Schönhauser Allee. Nach der Beerdigung Max Liebermanns – an der die Berliner Judenheit nur durch ihre offiziellen Vertreter teilnahm – gingen die einzelnen Juden, die erst aus den jüdischen Zeitungen den Ort der Beisetzung ersahen, hinaus auf den Friedhof, um ihrerseits Abschied von dem großen Toten zu nehmen. … Dann steht man vor der schlichten Begräbnisstatt der Liebermanns: Louis Liebermann und seine Frau, des Künstlers Eltern, einer seiner Brüder: Georg Liebermann, der bekannte Historiker, ruhen hier. Und da ist nun ein riesiger Hügel von Kränzen und Blumen. Flieder und Tulpen, Mimosen und Alpenveilchen – ein frohes, buntes Bild. Tag für Tag kommen neue Kränze. Der Grabhügel Max Liebermanns kann sie nicht alle tragen. So werden sie auf die Gräber der Eltern gelegt. Ein frischer grüner Lorbeerkranz ist an einen Baum gelehnt. Lose Blumen, Sträuße liegen daneben. Leicht flattern die schwarzen Schleifen im Winde, die einzelne dieser Kränze tragen. […] Immer wieder kommen neue jüdische Menschen zu diesem Grabe – Vornehme und Schlichte, Einfache und Elegante, Männer und Frauen, ganz junge und ganz alte Berliner. Ein paar Augenblicke stehen sie stumm und ergriffen vor diesem buntleuchtenden Blumenhügel – dann gehen sie schweigend und ernst davon.[16]


 [1] In: Israelitisches Familienblatt Nr. 7 v. 14. 2. 1955, S. 1.

[2] In: C.-V.-Zeitung vom 14. 2. 1955, S. 2.

[3] In: Jüdische Rundschau vom 12. 2. 1935, S. 2.

[4] Vgl. gleichlautende Todesanzeigen der Familie (Wortlaut siehe Günter Busch, „Nachwort“ zu Max Liebermann, „Die Phantasie in der Malerei. Reden und Schriften“, Berlin 1983. S. 322. Busch zitiert undatiert aus der „Deutschen Allgemeinen Zeitung“.) in: Central-Verein-Zeitung vom 14. 2. 1935, S. 7., Israelitisches Familienblatt vom 14. 2. 1935, S. 5., Jüdische Rundschau vom 12. 2. 1935, S. 11., Gemeindeblatt der Jüdischen Gemeinde zu Berlin vom 17. 2.1935, 25. Jg., Nr. 7, S. 9. […].

[5] In: Israelitisches Familienblatt vom 14. 2. 1935, S. 1.

[6] In: C.-V.-Zeitung vom 14. 2. 1935, S. 2.

[7] Karl Scheffler, Die fetten und die mageren Jahre. München und Leipzig 1948, 1. Aufl., S. 354.

[8] Ebenda, S. 354 ff.

[9] Leben und Meinungen des Malers Hans Purrmann. An Hand seiner Erzählungen, Schriften und Briefe zusammengestellt von Barbara und Erhard Göpel. Wiesbaden 1961, S. 212-213.

[10] Korrigierend wirkt ein Tagebucheintrag (11. 1. 1945. Rostock) Ursula von Kardorffs, der Tochter von Konrad von Kardorff: „Weil er (K. v. Kardorff – E. B.) sich für eine jüdische Schülerin in der Hochschule für Kunsterziehung eingesetzt hatte, wurde er vor der Erreichung der Altersgrenze pensioniert. Begründung: Er stehe nicht auf dem Boden des Dritten Reiches.“ Das geschah im Jahre 1934. (Ursula von Kardorff, Berliner Aufzeichnungen aus den Jahren 1942 bis 1945. München 1962.)

[11] Auch hinter „Pinn“ (Herkunftsangabe am Trauerzug-Foto im „Israelitischen Familienblatt“ Nr. 7 vom 14. 2. 1935, S. 3) vermute ich Abraham Pisarek und schließe mich damit Inge Unikowers Deutung an: Pinn entstand aus Pisarek und Liebermann. Allerdings bleibt eine Unsicherheit angesichts der Namensangabe Han: Pinn in der Jüdischen Allgemeinen Zeitung vom 15. 2. 1935 (15. Jg., Nr. 7) unter einem Foto, das die Spitze des Trauerzuges zeigt. – Das Zitat stammt aus: Inge Unikower, Suche nach dem gelobten Land. Berlin 1978, S. 224 bis 225.

[12] Ernst Braun, Max Liebermanns Beerdigung – Vermutlich ein Zwischenbericht –. In: Nachrichtenblatt der Jüdischen Gemeinden in der DDR. März 1985, S. 6-10. (In diesem Text ist irrtümlich der 12. 2. 195; als Tag der Beerdigung angegeben. Die Korrektur auf den 11. Februar wurde mir erst nach Sichtung zahlreicher Zeitungsartikel möglich.)

[13] Maria White am 17. 12. 1985 an den Verf.

[14] In: Der Schild vom 15. 2. 1935, S. 2.

[15] In: C.-V.-Zeitung vom 14. 2. 1935.

[16] R. M., Berliner nehmen Abschied von Max Liebermann. In: C.-V.-Zeitung Nr. 8 vom 21. 2. 1935, 2. Beiblatt.