Unsere diesjährige Winterausstellung Waldemar Rösler – Ein Berliner Impressionist“ eröffnet am kommenden Sonntag, dem 16. Oktober. Dr. Lucy Watling folgt zur Einstimmung den Spuren des Künstlers in Berlin-Lichterfelde, einem Berliner Stadtteil, dessen Landschaften den Künstler inspirierten und ihm große Anerkennung in der Berliner Secession brachten.


Der Tod des mitten auf seinem Lebenswege Dahingerafften hat die deutsche Kunst um eine ihrer schönsten Hoffnungen beraubt … wer könnte sagen, was er geleistet hätte, wenn ihn nicht ein tragisches Geschick frühzeitig hinweggerafft hätte. Eins steht fest: unter seinen Altersgenossen war er nicht nur eins der hoffnungsreichsten, sondern auch eins der gediegensten Talente […] sein Talent war sein Charakter, und sein Charakter war sein Talent

So äußerte sich Max Liebermann bei der Eröffnung der Waldemar Rösler Gedächtnisausstellung, die zwischen Januar und Februar 1917 in der Galerie Paul Cassirer stattfand. Rösler (1882-1916) hatte nur knapp 8 Jahre Zeit, sich als Maler in der Hauptstadt zu profilieren. Nach dem Studium in Königsberg kam er im Jahr 1906 nach Berlin; im Rahmen der allgemeinen Mobilmachung für den Krieg wurde er 1914 im Alter von 32 Jahren zur Landwehr einberufen. Die Schrecken des Krieges traumatisierten den Künstler. Nach zwei Jahren im Feld nahm er sich am 14. Dezember 1916 das Leben.

Aber trotz der Kürze seiner Karriere konnte der Künstler in Berlin durchaus beachtliche Erfolge feiern. Wie der Liebermann-Nachruf zeigt, gewann er die Anerkennung der wichtigsten Persönlichkeiten der Berliner Kunstszene. Wie ist ihm das in so einem kurzen Zeitraum gelungen?

Die Antwort finden wir bei seinen Stadtlandschaften– einer Reihe von impressionistischen Gemälden, auf denen er seine Nachbarschaft im Berliner Vorort Lichterfelde festhielt. Diese Arbeiten wurden in Berlin schnell bekannt und oft gelobt: ab 1908 in der Berliner Secession ausgestellt, wurden sie häufig in Zeitschriften abgebildet und ab 1909 in verschiedenen Rösler-Einzelausstellungen in der Galerie Paul Cassirer gezeigt. In kürzester Zeit galt der Künstler als Hoffnungsträger unter den jungen Mitgliedern der Berliner Secession.

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Waldemar Rösler, Berliner Straßenlandschaft, um 1910, Privatsammlung
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Die Kreuzung Schillerstraße – Marienstraße, Berlin-Lichterfelde, 2016

Mit seinen Lichterfelde-Landschaften traf Rösler offenbar genau den Geschmack der Berliner Kunstszene. Die nächste Frage ist also, wieso?

Wenn man heute die Gegend um den Bahnhof Lichterfelde-Ost besucht, wird einem auch heute noch augenblicklich klar, wie geschickt Rösler die Stimmung des Ortes eingefangen hat. Er kannte die Gegend gut: seine erste Wohnung in Berlin lag in der Schillerstraße 21, nicht weit vom Kranoldplatz entfernt.

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Kanoldplatz, Berlin-Lichterfelde, Anfang des 20. Jahrhunderts, hist. Postkarte
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Kanoldplatz, 2016

Um 1912 hatte der Künstler eine neue Wohnung gefunden, wenige Meter entfernt, in der Bismarckstraße 18 (heute Morgensternstraße). In dieser Wohnung bot Rösler Kunstkurse an. In Anzeigen nannte er sie „Malschule Waldemar Rösler“. Beide Häuser, in denen Rösler wohnte, existieren nicht mehr – sie wurden nach dem zweiten Weltkrieg durch moderne Wohnblocks ersetzt. Trotzdem kann man Röslers Lichterfelde immer noch erkennen – insbesonders dank der vielen hohen Bäumen, die die Straßen, Plätze und Bahnschienen säumen.

 

Eine weitere Eigenschaft, die Rösler von seinen Zeitgenossen unterschied, war die ausgesprochene Modernität seiner Motive. In den Lichterfelde- Landschaften zeigte er den Berliner Vorort im Prozess der Urbanisierung. Das ursprüngliche Dorf Lichterfelde – etwa 12 km von Berlin entfernt – wurde seit 1865 von dem Investor J.A.W. von Carstenn in einen Villenvorort mit städtischer Infrastruktur umgebaut. Carstenn legte neue Straßen an, baute ein Gas- und Wasserwerk, und finanzierte im Jahr 1868 den Bau des Bahnhofes Lichterfelde-Ost.

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Der Bahnhof Lichterfelde-Ost, 1913
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Der Bahnhof Lichterfelde-Ost, 2016

Im Jahr 1878 wurde die preußische Hauptkadettenanstalt in Lichterfelde eröffnet. Carstenn ließ sogar die erste Straßenbahn der Welt bauen, um diese Anstalt mit dem Bahnhof zu verbinden. Diese Straßenbahn verlief bis 1925 wenige Meter von Röslers Wohnungen entfernt. Als letzter moderner Verkehrsweg wurde am 2. Juni 1906 von Kaiser Wilhelm II der Teltowkanal eingeweiht.

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Waldemar Rösler, Kanallandschaft bei Teltow, 1911, SMB – Nationalgalerie
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Der Teltowkanal, von der Schillerbrücke gesehen, 2016

Diese Eingriffe in die Natur waren für Rösler eine wichtige Inspirationsquelle . Immer wieder erforscht er in seinen Gemälden die Merkmale dieser im Umbruch begriffenen Landschaften: majestätische Bäume und dramatische Himmel neben Telegrafenmasten, Wohnhäusern und den neuen Verkehrsverbindungen der Stadt.

Vielleicht aber liegt das wichtigste Merkmal von Röslers Gemälden nicht in ihren Motiven sondern im unverkennbaren Malstil. Rösler stellte seine Staffelei in die Natur und malte „en plein air“, was er vor sich sah, mit großem Interesse für die wechselnden Lichtverhältnisse – im Prinzip eine sehr impressionistische Arbeitsweise. Aber seine Formen scheinen oft leicht verzerrt oder übertrieben, seine Farben einheitlicher oder stärker als sie vielleicht in der Wirklichkeit waren. Röslers Fähigkeit, eine impressionistische Naturauffassung mit den starken Farben und formalen Freiheiten der Expressionisten zu verbinden, beeindruckt. Wie der Kunsthistoriker Ewald Bender 1911 schrieb:

“Rösler lenkt mit großer Sicherheit in Tendenzen der Zeit ein, die als eine Überwindung des Impressionismus durch dessen eigene malerische Mittel, jedoch in ganz und gar verinnerlichtem Kunstwollen sich immer deutlicher offenbaren … so eilt Waldemar Rösler mit weiten Schritten dem übrigen Nachwuchs der Berlin Sezessionisten-Schule voraus.“

Mit diesem „expressiven Impressionismus“, angewandt an den neuen Landschaften Lichterfeldes, fand Rösler seine Nische in der Berliner Kunstszene und damit das Lob seiner Zeitgenossen. Laut Kritiker Karl Scheffler war Rösler „ein Talent, das … frei im Wind und Wetter der Zeit emporgewachsen ist“; laut Kunstschriftsteller Rudolf Klein-Diepold war er „eine der stärksten, und in ihrer natürlichen Schlichtheit eigensten und zukunftsvollen Begabungen aus dem Kreise der deutschen Kunst”. Durch seinen frühen Tod konnte sich Röslers künstlerisches Potential bedauerlicherweise nicht voll entfalten. Nichtdestotrotz bleiben seine Gemälde Zeugnisse eines bemerkenswert eigenständigen Blicks auf die Stadtlandschaft des frühen zwanzigsten Jahrhunderts.


Autorin: Dr. Lucy Watling

Dr. Lucy Watling ist wissenschaftliche Volontärin in der Liebermann-Villa