Die Liebermann-Villa ist in den letzten Jahren mehr und mehr zu einer Anlaufstelle für alle geworden, die sich mit dem Maler Max Liebermann beschäftigen und Fragen zu seinem Werk haben. Hierzu gehören auch diejenigen, die im Besitz zweifelhafter Bilder sind und Gewissheit haben wollen, ob es sich dabei um einen echten Liebermann handelt. „Dieses Bild habe ich von meinem Großvater geerbt, der immer davon sprach, dass es von Max Liebermann ist.“ So oder so ähnlich fangen die meisten Geschichten an, die uns per Brief oder E-Mail erreichen. Manchmal kommen die stolzen Besitzer auch direkt mit dem Bild unter dem Arm in die Villa. Die meisten aber schicken Fotos. Oft sind darauf Bilder zu sehen, die nicht im Entferntesten an Liebermann erinnern. So wurde mir ein kleines Aquarell vorgelegt, das die Prozession zweier märchenhafter Gestalten im Stile des Wichtel-Illustrators Fritz Baumgarten zeigt: einen Putto und einen Zwerg mit der Blüte einer Glockenblume als Mütze, die zwei übergroße Blumenstängel vor sich hertragen.

Fälschungen
Ein Liebermann? – Wohl kaum!

In solchen Fällen entfährt es mir manchmal: „Wie kommen Sie darauf, dass das Liebermann sein könnte?“, und stelle bei den drauf folgenden Antworten immer wieder fest, wie unzuverlässig Familienüberlieferungen sind: „Von dem Bild hat es in unserer Kindheit immer geheißen, dass es ein Liebermann sei und dass man darauf besonders achtgeben müsse“. In diesen Fällen tut es mir oft leid, Familienlegende zu entzaubern. Solange jedoch keine Signatur, also die Künstlerunterschrift „ M Liebermann“, auf dem Bild ist, hat die Entdeckung außer der Enttäuschung keine weiteren Folgen.

Fälschungen
Eine gefälschte Künstlersignatur

Anders verhält es sich bei Bildern, die falsch sind und trotzdem eine Signatur: „M Liebermann“ tragen. Mit einer solchen, unweigerlich gefälschten Unterschrift erfüllt ein solches Bild den Tatbestand der Urkundenfälschung. Nun sind gefälschte Bilder nicht erst ein Phänomen unserer Zeit. Schon zu Lebzeiten waren die Werke von Max Liebermann so beliebt und ihr Verkauf so einträglich, dass sie gefälscht wurden. Liebermann beklagt sich darüber etwa in seinem Brief an einen unbekannten Herrn im Jahr 1919:

„Sehr geehrter Herr, ich bin Ihnen sehr dankbar für Übersendung der 3 Photo’s: selbstredend sind die Zeichnung[en] gefälscht u zwar kindisch schlecht gefälscht. Aber man muß die Sache weiter verfolgen: ich bin berechtigt, die Zeichnungen unverkäuflich zu machen, indem ich quer darüber »gefälscht« schreibe und wenn Sie mir die Kopien schicken können, werde ich das thun (wie ich es häufig schon in ähnlichen Fällen getan habe). …Ich habe natürlich ein sehr großes Interresse daran, daß der Dreck unter meinem Namen aus der Welt geschafft u der Betrüger festgenommen wird.“

Tatsächlich ist bis heute eine erhebliche Anzahl von Liebermann-Fälschungen auf dem Markt. Der Verkauf und das Inverkehrbringen solcher Fälschungen ist eine Straftat – zumal daraus erheblicher finanzieller Schaden für den Käufer resultiert, der in der Hoffnung ein Schnäppchen zu machen, viel Geld für ein wertloses Stück Papier oder Leinwand ausgibt. Darauf weise ich alle hin, die mir eine solche Fälschung zeigen, und ich tue noch etwas Zweites: ich melde die Fälschung dem Landeskriminalamt Berlin, das eine spezielle Abteilung für Kunst und damit Zugriff auf eine zentrale Datenbank für Fälschungen hat. Das kündige ich den Menschen, die mir die Fälschungen ins Haus bringen, natürlich an.

Fälschungen
Eine Liebermann-Fälschung

Ganz aktuell ist jetzt der Fall einer Fälschung aus Belgien. Im April erhielt ich aus Antwerpen eine Mail mit dem Foto eines gefälschten Liebermann-Strandbildes mit der Geschichte, dass der Besitzer das Bild seit Jugendtagen kenne und wissen wolle, ob es sich lohne, es restaurieren zu lassen. Wie jedes Mal habe ich auch hier den Einlieferer darüber aufgeklärt, dass es sich um eine Fälschung handelt und dass der Handel mit diesem Bild eine Straftat sei. Vor ein paar Tagen nun erhielt ich eine Mail aus den Niederlanden mit demselben Bild. Absender war eine andere Person, mit einer anderen Geschichte: Das Bild sei aus dem Besitz seines Großvaters. Ob es ein echter Liebermann sei? Als ich etwas forsch zurückschrieb, dass seine Geschichte ja wohl genauso falsch sei wie das Bild selbst, dauerte es nicht lange, bis die ganze Wahrheit ans Licht kam: Ja, schrieb der neue Besitzer, er habe einen großen Fehler gemacht, er habe das Bild vor einer Woche in Belgien für einen vierstelligen Betrag gekauft. Wie er nur so dumm sein konnte! Er könne den Namen und die Adresse des Verkäufers nennen. Ob er es denn der Polizei melden solle? Da ich den zuständigen Kollegen des Berliner LKA bei meiner Mailkorrespondenz von vornherein mit einbezogen hatte, richtete sich der betrogene Niederländer mit seiner Frage gleich auch an den Berliner Beamten und musste nicht lange auf kompetenten Rat warten. Das LKA bestätigte, dass die Fälschung im April 2016 durch die Liebermann-Villa der Polizei gemeldet worden sei und riet dazu, den Fall in Belgien zur Anzeige zu bringen. Denn durch die Korrespondenz des belgischen Vorbesitzers mit der Liebermann-Villa kann die betrügerische Absicht möglicherweise bewiesen und ein Betrüger verurteilt werden. So kann aus einer harmlosen E-Mail manchmal ein internationaler Krimi werden.


Autor: Dr. Martin Faass

Dr. Martin Faass ist Direktor der Liebermann-Villa am Wannsee