In diesem Winter zeigen wir in der Liebermann-Villa eine besondere Ausstellung: Die Schau ist der in Bonn geborenen Pressefotografin Käthe Augenstein (1899-1981) gewidmet. Die Ausstellung begleitet Augensteins Karriere vom Berlin der Weimarer Republik über einen Atelierbesuch bei Max Liebermann um 1930 bis hin zu ihren Arbeiten der Nachkriegszeit in Bonn. Die Fotos finden eine sehr positive Resonanz bei unseren Besuchern – was uns natürlich sehr freut!

Besonders beliebt ist Augensteins Foto-Serie aus dem sogenannten „Bonner Studentenbunker“, die sie im Herbst 1949 aufnahm. Kurz nach Kriegsende wurde ein ehemaliger Luftschutzbunker im Bonner Stadtteil Poppelsdorf in ein Studentenwohnheim umgewandelt. Trotz fensterloser Räume und einer Gebäudetemperatur, die der eines modernen Kühlschranks entsprach, war der Bunker unter jungen Leuten sehr begehrt, da er günstiger und mit mehr Freiheiten verbunden war als die Unterkünfte auf dem freien Markt. In einer kurzen Reihe von Aufnahmen erfasste Augenstein die verschiedenen Aspekte des Lebens im Bunker: von den einfachen Wohnverhältnissen bis hin zur lebendigen und geselligen Stimmung.

Zwei Bilder aus der Serie: Der Bonner Studentenbunker in der Trierer Straße, 1949 von Käthe Augenstein © Stadtarchiv Bonn

Für die Familie Pauly aus dem Rheinland hielt diese Fotoserie eine besondere Überraschung bereit. Während einer Fernsehreportage über die Ausstellung, die Mitte Oktober im RBB gesendet wurde, erkannten sie auf einem der Bilder ihren kürzlich verstorbenen Vater, Dr. Heribert Pauly, Jahrgang 1923. Die Familie nahm sofort Kontakt mit der Liebermann-Villa auf, um uns weitere Details über den Mann an der Schreibmaschine mitzuteilen.

Heribert Pauly (1923-2015) an der Schreibmaschine, aus der Serie „Der Bonner Studentenbunker in der Trierer Straße“, 1949 von Käthe Augenstein © Stadtarchiv Bonn

Wie die Zeichnungen im Hintergrund erkennen lassen, war Heribert Pauly Student der Medizin und ganz in seine Arbeit vertieft, als Käthe Augenstein 1949 den Studentenbunker besuchte. Geboren in Wegescheid, etwa 50 km von Köln entfernt, hatte er sein Studium an der Humboldt Universität in Berlin begonnen, um dann 1947 auf Wunsch seiner Eltern ins Rheinland zurückzukehren. Im September 1947 wechselte er an die Universität in Bonn und bezog ein Zimmer im Poppelsdorfer „Studentenbunker“. Hier wohnte er zwei Jahre lang bis zum Ende seines Studiums.

Bis ins hohe Alter erzählte Heribert Pauly seiner Familie von seiner Zeit in diesem außergewöhnlichen Wohnheim: von den widrigen Umständen und der Dauerkälte, aber auch von den vielen Freundschaften, die er dort schließen konnte – unter anderem mit dem österreichischen Kommilitonen Otto Prokop, der 1956 als Professor für Gerichtsmedizin nach Ost-Berlin wechselte und später in seinem Fach weltweites Ansehen genoss.

In Augensteins Foto sehen wir Heribert Pauly an seiner Schreibmaschine. Er saß wohl an seiner Doktorarbeit, die er September 1949 einreichte. Noch im selben Monat verließ er den Bunker und heiratete seine Verlobte Erika Stolze. Das Paar zog nach Berlin, wo Heribert Pauly eine Stelle als Pflichtassistenzarzt im St. Hedwig-Krankenhaus in Mitte gefunden hatte. Im folgenden Jahrzehnt spezialisierte sich Pauly in der Kinderheilkunde, erst im Kinderkrankenhaus in Berlin-Lichtenrade, später im Städtischen Krankenhaus Moabit. Hier hatte er eine ganz besondere Aufgabe, er gehörte nämlich zu jenem Team, das im April 1957 das Gorilla-Kind Knorke aus dem Berliner Zoo behandelte, ein Fall, über den auch in der Ufa Wochenschau vom 10. April 1957 berichtet wurde. (Der Wochenschaubericht kann über diesen Link Online angesehen werden, 4:30 Min.).

Heribert Pauly mit seiner zukünftigen Frau Erika, Verlobungsbild Dezember 1947 © Foto: Familie Pauly

Nach dem Schock des Mauerbaus 1961 wollte das Ehepaar Pauly Berlin verlassen. Sie verkauften ihr gerade gebautes Haus in Hermsdorf und zogen mit den inzwischen drei Kindern an den Niederrhein. Dort war Heribert Pauly ein Chefarztposten in der Kinderabteilung des Marien-Hospitals Wesel angeboten worden. Nach dem Abitur des jüngsten Kindes fing auch Erika Pauly an, als Ärztin in der Klinik zu arbeiten. Wie ihr Mann hatte auch sie in den späten 1940er Jahren ein Medizinstudium abgeschlossen.
Seit 1974 arbeitete das Ehepaar zusammen am Aufbau einer Spezialambulanz für Vorsorge und Frühförderung im Marien-Hospital, wo sie bis zu ihrer Pensionierung in den späten 1980er Jahren weiter tätig waren. Erika Pauly verstarb 2014, ihr Mann Heribert ein Jahr später im März 2015.

Dank Käthe Augensteins Fotografien erhielt die Familie Pauly einen neuen Einblick in das Leben ihres Vaters. Sie hatte vorher keine Fotos aus dieser Zeit gesehen und wusste auch nichts von Käthe Augensteins Besuch. Auch das Museumsteam konnte durch die Bunker-Fotoserie einen faszinierenden Einblick in die Kraft der Fotografie gewinnen – wie sich aus einem einzigen Bild ein ganzes Leben entwickeln lässt!


Autorin: Dr. Lucy Wasensteiner

Die Ausstellung „Käthe Augenstein – Fotografien“ ist noch bis zum 12. Februar in der Liebermann-Villa zu sehen.

Wir danken der Familie Pauly für ihre Informationen und Erinnerungen!