Heute ist der Wannsee einer der bestbeliebten Badeorte Berlins. An warmen Wochenendtagen im Hochsommer sind die vielen kleinen Strände rund um den See bepackt mit Menschen – angelockt durch die Möglichkeit, der Stadthitze zu entfliehen und das Wasser der Havel zu genießen.

Das war aber nicht immer so. Bis ins späte 19. Jahrhundert war das Baden in freier Natur in Berlin und Potsdam streng verboten. Sich auszukleiden und vor aller Augen schwimmen zu gehen, galt als unmoralisches Verhalten. Es gab am Wannseeufer sogar eine Polizeipräsenz, um die illegalen Badegäste zu vertreiben und – wenn nötig – eine Strafe zu verhängen.

Anfang des 20. Jahrhunderts änderte sich die Situation. Berlin erlebte zu dieser Zeit ein enormes Wachstum: Allein in den ersten fünf Jahren des Jahrhunderts wuchs die Bevölkerung um 500.000 Menschen. Gleichzeitig verbesserten sich die Arbeitsbedingungen der Berliner durch neue Arbeitszeitregelungen und den gesetzlichen Schutz der Sonntagsruhe. Die im Jahr 1874 eröffnete Wannseebahn wurde während der 1880er und 1890er Jahre ständig verbessert und um die Jahrhundertwende elektrifiziert. Der Wannsee wurde dadurch als Ausflugsziel immer attraktiver und die Versuchung, schwimmen zu gehen, immer größer.
Strategien, sich einer Strafe zu entziehen, sprachen sich schnell herum: Beispielsweise konnte man einfach im Wasser warten, wenn ein Gendarm in Sicht war. Es war schnell bekannt, dass die Polizei niemandem ins Wasser folgte.
Auch gab es in der Gesellschaft ein zunehmendes Bewusstsein für die gesundheitlichen Vorteile des Badens. Besonders die Anwohner der innerstädtischen Mietskasernen profitierten vom Baden im Freien. Dies erhöhte den Druck auf die Regierung, das Badeverbot aufzuheben.

Am 8. Mai 1907 war es so weit: Die Schilder am Wannseeufer waren auf einmal ausgetauscht. Statt „Baden verboten“ hieß es nun „Öffentliche Badestelle“. Als hätten die Berliner nur darauf gewartet: Nach Schätzungen der Eisenbahnverwaltung kamen allein an einem einzigen Sonntag im August des Jahres mehr als 200.000 Menschen zum Wannsee. Historische Postkarten aus der Zeit um 1910 zeigen das „Familien-Freibad Wannsee“ und den unglaublichen Andrang am Strand und im Wasser – Männer, Frauen und Kinder samt Sonnenschirmen, Windschutz, Fahrrädern und Umkleidezelten.

Familien-Freibad Wannsee, historische Postkarte, um 1911 © MLG
Gruß aus Wannsee, historische Postkarte, 1918
© Sammlung Ketels, Berlin

 

 

 

 

 

 

 

 

 

Die ersten dauerhaften Gebäude des Strandbades Wannsee wurden erst im Jahr 1924 fertiggestellt. In reetgedeckten Holzbauten waren die Kassen und Umkleidekabinen sowie eine Strandgastronomie untergebracht. Das heutige Strandbad-Gebäude wurde zwischen 1929 und 1930 errichtet, nach Plänen der Architekten Martin Wagner und Richard Ermisch. Vom Steg der Liebermann-Villa sind diese Gebäude auf der gegenüberliegenden Seite des Wannsees deutlich zu erkennen.

Eines der ersten Strandbadgebäude am Wannsee, historische Postkarte, um 1911 © MLG
Strandbad Wannsee, historische Postkarte, 1932 © Sammlung Ketels, Berlin

 

 

 

 

 

 

 

 

Die aktuelle Sonderausstellung der Liebermann-Villa „Streit am Wannsee – Von noblen Villen und Strandbadfreuden“ ist diesen frühen Jahren des Badens am Wannsee gewidmet – vor allem dem Zusammenspiel zwischen den Gästen des Strandbades und den Villenbesitzern auf der gegenüberliegenden Seite des Sees. Künstler wie Paul Paeschke und Heinrich Zille stellen den Badebetrieb dar. Dem gegenüber stehen die Villen-Gemälde von Philipp Franck, Hugo Vogel und natürlich Max Liebermann.

Die Ausstellung „Streit am Wannsee“ ist noch bis 3. Oktober 2017 in der Liebermann-Villa zu sehen.


Autorin: Dr. Lucy Wasensteiner

Dr. Lucy Wasensteiner ist als Kuratorin für die Liebermann-Villa tätig.