Am 8. Januar fand im Potsdam-Museum ein Symposium zum Thema „Künstlerinnen der Moderne im Diskurs“ statt, mit Beiträgen von Dr. Ingrid Pfeiffer von der Schirn-Kunsthalle Frankfurt, Dr. Martina Weinland von der Stiftung Stadtmuseum Berlin, Dr. Annelie Lütgens, Berlinischen Galerie und Sabine Krusen vom Julie Wolfthorn-Freundeskreis. Als Direktor der Liebermann-Villa war ich mit „Anmerkungen zur Ausstellung Frauen der Secession II“ beteiligt. Da dieser Vortrag sehr kontrovers diskutiert wurde, hier eine gekürzte Fassung für alle die, die nicht dabei sein konnten:

Im Jahr 2012 präsentierte die Liebermann-Villa unter dem Titel „Frauen der Secession“ Werke von Käthe Kollwitz, Dora Hitz, Clara Sievert und Sabine Lepsius. Mit der diesjährigen Ausstellung „Frauen der Secession II“ setzen wir die begonnene Präsentation von Künstlerinnen der Berliner Secession fort und stellen nun eine zweite Gruppe von Frauen vor: Julie Wolfthorn, Charlotte Berend-Corinth, Maria Slavona und Augusta von Zitzewitz.

Symposium MLU, 8.1.2016
Direktor Martin Faass bei seinem Symposiums-Vortrag im Potsdam Museum

Die Ausstellung in der Liebermann-Villa ist zurzeit nicht die die einzige Schau, die sich mit Künstlerinnen des frühen zwanzigsten Jahrhunderts beschäftigt. Ganz im Gegenteil. Es gab in den letzten Jahren und auch aktuell eine Vielzahl von Ausstellungsprojekten in ganz Deutschland, ohne dass sich die Museen thematisch abgesprochen hätten. Die Vielzahl ähnlich gelagerter Ausstellungen ist keine konzertierte Aktion, sondern Teilaspekt eines den gesamten Kulturbetrieb umfassenden Nachfragephänomens. Noch nie standen historische Frauenpersönlichkeiten, die sich im kulturellen oder gesellschaftlichen Bereich hervorgetan haben, bzw. ihre künstlerischen Werke, so im Fokus wie heute: bei Museen, Verlagen und im Kunsthandel. Bei vielen Verlagen gibt es mittlerweile eine eigene Rubrik mit Literatur über Künstlerinnen und anderen historische Frauenpersönlichkeiten.

Ein auffällig emotionaler Zugang zum Thema

Die am Kulturbetrieb beteiligten Akteure reagieren mit Ausstellungen, Büchern und Veranstaltungen auf eine große Nachfrage ihrer zu zwei Dritteln weiblichen Kundschaft, die durch einen auffällig emotionalen Zugang zum Thema gekennzeichnet ist. Diese besondere Qualität lässt sich auch an den Besucherreaktionen auf unsere beiden Ausstellungen „Frauen der Secession“ ablesen. Noch bei keiner unserer übrigen Ausstellungen haben wir eine so starke Anteilnahme der Besucher und Besucherinnen erlebt. Bei unserer jetzigen Ausstellung nahm z.B. eine Besucherin Anstoß daran, dass die in der Liebermann-Villa „verantwortlichen Herren“ – wieder einmal „typisch“ – die Künstlerinnen mit Blumenstillleben vorstellen. Diese Kritik lässt den historischen Kontext unberücksichtigt und kommt aufgrund der Projektion heutiger Vorstellungen auf die Zeit um 1900 zu einem ganz falschen Schluss. Es war der Kritikerin offensichtlich nicht bewusst, wie programmatisch die Beschäftigung mit diesem Sujet in der impressionistisch beeinflussten Kunst dieser Zeit war.

Die Reaktionen bei Ausstellungen mit Frauenthemen sind nach meinen Beobachtungen geprägt von einer starken Identifikation mit den ausgestellten Künstlerinnen, von einer Parteinahme, bei der das Biographische ganz in den Vordergrund rückt: Die Zurücksetzungen der Künstlerinnen und die gesellschaftlichen und familiären Widrigkeiten sind es, die interessieren, während die Kunst fast in den Hintergrund tritt. Die Künstlerinnen werden zu Stellvertreterinnen der eigenen Ambitionen und Kämpfe, zu Heldinnen im Kampf mit einer ignoranten Gesellschaft und zu Opfern der kunsthistorischen Überlieferung. Wie alle emotionale Parteinahme, so ist auch die für die Künstlerinnen des frühen zwanzigsten Jahrhunderts von vorgefassten Meinungen, Legendenbildungen und Reflexen bestimmt. Sie ist eine Haltung, die weder Bereitschaft zeigt, noch die Notwendigkeit sieht, das eigene Urteil kritisch zu überprüfen. Die Parteinahme für Künstlerinnen des frühen zwanzigsten Jahrhunderts lässt sich nun aber nicht nur bei unseren Besuchern, sondern irritierender Weise auch bei einzelnen Fachkollegen und –kolleginnen beobachten, die sich so mit ihrem Gegenstand identifizieren, dass die nötige professionelle Distanz verloren geht.

Bis heute systematisch ignoriert?

Zu den vorgefassten Meinungen gehört z.B. der Topos, dass es in der Kunstgeschichte bis heute ein Kartell des Schweigens gegenüber den Leistungen von Frauen zu Beginn des zwanzigsten Jahrhunderts gibt. Da diese Annahme ein Grundmotiv der Parteinahme für die Sache der Künstlerinnen ist, habe ich mich drangesetzt und am Beispiel der Künstler und Künstlerinnen der Berliner Secession eine quantitative Stichprobe gemacht. Dabei habe ich den Katalog der Kunstbibliothek Berlin zugrunde gelegt und abgefragt, wie viele Titel unter dem Namen der Künstlerin/ des Künstlers jeweils katalogisiert sind.

Dabei ergibt sich folgende Bild: Von den 62 regulären Mitgliedern des Jahres 1901 – darunter fünf Frauen – sind für drei Mitglieder mehr als 100 Titel zu finden (6,5%). Die drei sind: Lovis Corinth, Käthe Kollwitz und Max Liebermann. Acht Mitglieder liegen zwischen 10 – 99 Titeln (12,9%), während bei 52 Mitgliedern weniger als zehn Titel im Katalog zu finden sind (83,87%). D.h. für 52 Mitglieder (83%) gibt es nur sehr wenig Literatur. Unter diesen 52 sind 4 Frauen, das entspricht einem Anteil von 7,7%. Der Frauenanteil in der Gruppe mit wenig Literatur liegt also bei 7,7%. Der Frauenanteil der Secession insgesamt liegt bei 5,26% (1901). Mit 7,7% gegenüber 5,26% ist der Wert für die Frauen in der Gruppe mit wenig Literatur um 2,4% ungünstiger. Dieselbe Erhebung für das Jahr 1910 ergibt, dass bei einem Frauenanteil von 4,12%, die Frauen in der Gruppe mit wenig Literatur mit 4,2%, also etwa ihrem Anteil an der Gesamtmenge entsprechend, vertreten sind. Durch Käthe Kollwitz, die als eine von drei Personen (1901) bzw. eine von elf Personen (1910) der Gruppe mit mehr als 100 Titeln angehört, ist der Frauenanteil in der Spitzengruppe sogar höher als in der Gesamtgruppe.

Daher kann man als Resultat dieser rein quantitativen Stichprobe zweierlei festhalten: 1. Der Anteil der Frauen ist Lichtjahre von einer paritätischen Beteiligung entfernt. 2. Die Künstlerinnen, die 1901 und 1910 Mitglied der Secession waren, sind von der Kunstgeschichte nach dieser Stichprobe nicht überproportional vernachlässigt worden. D.h. dass das Vorurteil von einer systematischen Ignoranz der Kunstgeschichte gegenüber den Künstlerinnen der Berliner Secession – vom aktuellen Stand der Literatur aus betrachtet – nicht zu belegen ist. Spätestens seit dem wichtigen Buch von Renate Berger „Malerinnen auf dem Weg ins 20. Jahrhundert. Kunstgeschichte als Sozialgeschichte“, das 1982, vor über 30 Jahren erschien, hat sich hier einiges getan. Nicht in Abrede stellen will ich aber, dass es einzelne Museumskollegen geben mag, die diese Entwicklung verschlafen haben.

Werbeflyer des Potsdam Museums für das Symposium "Künstlerinnen der Moderne"
Flyer des Potsdam Museums für das Symposium „Künstlerinnen der Moderne“

Ohne diese Frauen keine Moderne?

Die skizzierte emotionale Rezeption mag angesichts der Benachteiligung der Frauen um 1900 vielen das wohlige Gefühl verleihen, bei einer gerechten Sache dabei zu sein. Der Realität dieser Künstlerinnen und der kunsthistorischen Bedeutung ihrer Werke werden wir damit aber nicht gerecht. Das gilt bedauerlicherweise auch für das Motto des Symposiums: „Ohne diese Frauen gibt es keine Moderne“. Im Zusammenhang mit diesem Slogan werden Namen genannt wie: Maria Uhlen, Käthe Löwenthal, Marcelle Cahn, Hannah Mehls, Hilla von Rebay, Gertrude Sandmann, Emmy Klinker, Marthe Donas und Magda Langenstraß-Uhlig“. Ich will niemandem zu nahetreten, aber: diese Aussage ist im Hinblick auf die genannten Frauen historisch einfach falsch!

In der mittlerweile sehr fundierten Literatur zur Situation von Künstlerinnen zu Beginn des 20. Jahrhunderts ist es nachzulesen, welche familiären, gesellschaftlichen und institutionellen Hindernisse denjenigen Frauen im Wege standen, die die künstlerische Laufbahn einschlagen wollten: Eine Akademische Ausbildung war nicht möglich; die private sieben bis neunmal teurer; das traditionelle Rollenbild sah die Berufstätigkeit der Frau nicht vor; von gesellschaftlicher oder gar politischer Gleichberechtigung keine Spur. Wie hätten denn in einer gesellschaftlichen Situation, in der sich Künstlerinnen nur ausnahmsweise hervortun konnten, ausgerechnet Künstlerinnen zum Motor einer epochalen künstlerischen Umwälzung werden sollen? Das geht doch nicht zusammen. Dass einzelne trotzdem dazugehörten, wie Käthe Kollwitz oder Hannah Höch, ist umso bemerkenswerter.

Der Skandal ist also, dass es Frauen schwer gemacht wurde, Künstlerin zu sein, und nicht dass man ihre Rolle in der Entwicklung der modernen Malerei ignoriert hätte.

Ich kann mich nur noch einmal wiederholen: Der Realität von Künstlerinnen im frühen zwanzigsten Jahrhundert und der kunsthistorischen Bedeutung ihrer Werke werden wir mit Parteinahme nicht gerecht. Unsere Aufgabe als Museen sollte sein, die Geschichte so zu vermitteln, wie sie aus den Dokumenten der Zeit belegbar ist, und nicht wie wir oder unsere Besucher sie sich wünschen. Weder können wir die aufgrund gesellschaftlicher Umstände von Künstlern dominierte Kunstgeschichte der Zeit um 1900 rückwirkend ändern, noch die Benachteiligung von Künstlerinnen dieser Zeit durch begeisterte Parteinahme wieder gutmachen. Was wir aber tun können ist, unser Bild von der Kunstgeschichte des frühen zwanzigsten Jahrhunderts kontinuierlich zu erweitern, um die ganze Vielfalt der künstlerischen Äußerungen kennenzulernen. Wie viel es hier noch zu entdecken gibt, und dass es sich lohnt, die ausgetretenen Pfade der Geschichtsschreibung zu verlassen und insbesondere Künstlerinnen vorzustellen, das beweisen Ausstellungen wie „Künstlerinnen der Moderne – Magda Langenstrass-Uhlig und ihre Zeit“ und „STURM-Frauen“. Wir sollten dies allerdings mit analytischem Blick und ohne falsches Pathos tun.


Autor: Dr. Martin Faass

Dr. Martin Faass ist Direktor der Liebermann-Villa am Wannsee

 

Die Ausstellung „Künstlerinnen der Moderne – Martha Langenstrass-Uhlig und ihre Zeit“ ist noch bis zum 31. Januar 2016 im Potsdam Museum zu sehen.

Lesen Sie zum Symposium auch den Artikel von Ariane Lemme in den Potsdamer Neuesten Nachrichten (11.1.16)

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